{"id":2692,"date":"2011-12-29T23:10:13","date_gmt":"2011-12-29T22:10:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.julia-emde.de\/inside\/weblog\/?p=2692"},"modified":"2012-06-08T14:05:17","modified_gmt":"2012-06-08T13:05:17","slug":"sarah-kuttner-mangelexemplar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.julia-emde.de\/inside\/weblog\/2011\/12\/29\/sarah-kuttner-mangelexemplar\/","title":{"rendered":"Sarah Kuttner &#8211; M\u00e4ngelexemplar"},"content":{"rendered":"<p>Ein weiteres Buch, das ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe, ist Sarah Kuttners Deb\u00fctroman &#8220;M\u00e4ngelexemplar&#8221;.<\/p>\n<p><em>&#8220;Karo lebt schnell und flexibel. Sie ist das Musterexemplar unserer Zeit: intelligent, liebenswert und aggressiv, \u00fcberdreht und traurig. Als sie ihren Job verliert, ein paar falsche Freunde aussortiert und mutig ihre feige Beziehung beendet, verliert sie auf einmal den Boden unter den F\u00fc\u00dfen. Pl\u00f6tzlich ist die Angst da.&#8221;\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Sarah Kuttner beschreibt in ihrem Deb\u00fctroman das bedr\u00fcckende Tabuthema Depression. Nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes und dem Scheitern ihrer Beziehung wird die Protagonistin Karo aus der Bahn geworfen. Kontrollverlust, Verunsicherung und Orientierungslosigkeit f\u00fchren bei Karo zu einer Depression, zu Panikattacken und der sog. Angst vor der Angst (Angstspirale).<\/p>\n<p>Durch ihre Therapie, die Selbstreflexionen und Beobachtungen ihrer Person, wird dem Leser Karos Entwicklung vor Augen gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Authentisch, mit viel Witz und Charme beschreibt Sarah Kuttner die Selbstreflexion der depressiven Protagonistin:<\/p>\n<p><em>&#8220;Ich bin anstrengend. Das klingt erstmal ziemlich l\u00e4ssig. Es klingt liebenswert und ein wenig kokett, selbstironisch, im Grunde genommen genau so, wie man sein M\u00e4dchen gerne mag. Cool, nicht zu lieblich, nicht zu damenhaft,&#8230; Ich bin anstrengend. Ich werde sehr schnell w\u00fctend, traurig, \u00fcberdreht und laut.<\/em><br \/>\n<em>Auch das klingt zun\u00e4chst sehr sympathisch: Ach, Karo ist eben einfach nur sehr emotional.<\/em><br \/>\n<em>&#8230; Aber ich kann versichern: Das ist anstrengend. Es ist anstrengend f\u00fcr mein Umfeld, und es ist vor allem anstrengend f\u00fcr mich.<\/em><br \/>\n<em>Gef\u00fchle sind Stress.&#8221; S. 13<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;So bin ich. Anstrengend. Und ich kokettiere damit nicht. Denn jegliches bei mir ankommende Gef\u00fchl, ob positiv oder negativ, potenziert sich innerhalb k\u00fcrzester Zeit zu einem Drama&#8230; Kleinigkeiten machen mich irre, wegen einer M\u00fccke werde ich zum Elefanten.&#8221; S. 14<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;Selbstmitleid ist nicht schick, es schm\u00fcckt nicht, es ist h\u00e4sslich und entstellt.&#8221; S. 29<\/em><\/p>\n<p>Zudem versucht Sarah Kuttner mit dem Vorurteil vieler Menschen zu brechen, dass Antidepressiva die Pers\u00f6nlichkeit eines Menschen ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><em>&#8220;Eine Bef\u00fcrchtung, die viele Menschen haben, ist, dass Antidepressiva das Bewusstsein, die eigene Pers\u00f6nlichkeit ver\u00e4ndern. Dass man von Tabletten gesteuert ist und nicht mehr man selbst. Das stimmt aber nicht. Ich f\u00fchle mich nicht fremd. Die Tabletten machen mich nicht falsch gl\u00fccklich, nur weniger chaotisch. Ich bin traurig, wenn ich traurig bin, und unsicher und \u00e4ngstlich, wenn es passt. Nicht mehr alles auf einmal.&#8221; S. 103<\/em><\/p>\n<p>Im Verlauf ihrer Therapie und den Gedanken, die sich Karo \u00fcber sich selbst macht, f\u00e4llt ihr auf, dass sie nicht allein ist mit ihrer Depression, ihren Panikattacken und ihrer Angst, dass sich aber viel zu wenig Menschen trauen dar\u00fcber zu sprechen oder dagegen etwas zu unternehmen:<\/p>\n<p><em>&#8220;Beim Essen reden wir wieder viel \u00fcber uns, unsere K\u00f6pfe, Depressionen, Angst und Therapien. Wir haben bemerkt, dass viele unserer Freunde \u00e4hnliche Probleme haben. Allein mir fallen mindestens f\u00fcnf Freunde oder Bekannte ein, die unter Angstst\u00f6rungen und depressiven Sch\u00fcben leiden und nichts dagegen unternehmen. Sie ertragen alles dem\u00fctig. Keiner geht zur Therapie oder sich Medikamente verschreiben.&#8221; S. 161<\/em><\/p>\n<p>In dieser Passage macht Sarah Kuttner deutlich, dass Depressionen, Angst und Therapie in unserer heutigen Gesellschaft stigmatisierte Themen sind, die lieber unter den Teppich gekehrt und &#8220;totgeschwiegen&#8221; werden, als sich mit ihnen auseinander zu setzen, obwohl sie mittlerweile einen betr\u00e4chtlichen Teil unserer Gesellschaft betreffen.<\/p>\n<p><em>&#8220;Dass man nicht einfach verr\u00fcckt ist, sondern krank. Dass man sich Hilfe holen darf, sogar soll. Dass man aus diesem dunklen Raum nicht allein rauskommen kann und es auch niemand von einem erwartet. Und vor allem: dass man wieder ganz werden kann. Irgendwann.&#8221; S. 165<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr nicht betroffene Personen, wie bspw. Angeh\u00f6rige oder Freunde von depressiven Menschen ist es unglaublich schwer, bis unm\u00f6glich die Gedanken von depressiven Menschen nachzuvollziehen oder gar zu verstehen, weshalb an Depressionen erkrankte Menschen oft f\u00e4lschlicherweise als &#8220;verr\u00fcckt&#8221; abgestempelt werden.<\/p>\n<p>Da Sarah Kuttner in &#8220;M\u00e4ngelexemplar&#8221; die Leser mit viel Feingef\u00fchl, Witz, Charme und einem gewissen Ma\u00df an Authentizit\u00e4t an das Tabuthema Depressionen heranf\u00fchrt, hat mir der tragikomische Roman sehr gut gefallen und ich w\u00fcrde ihm jedem, der mehr \u00fcber das Thema erfahren m\u00f6chte, empfehlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"https:\/\/www.julia-emde.de\/inside\/weblog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Foto.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2693 alignnone\" style=\"border-width: 3px; border-color: white; border-style: solid; margin: 3px;\" title=\"Foto\" src=\"https:\/\/www.julia-emde.de\/inside\/weblog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Foto-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.julia-emde.de\/inside\/weblog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Foto-201x300.jpg 201w, https:\/\/www.julia-emde.de\/inside\/weblog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Foto-688x1024.jpg 688w, https:\/\/www.julia-emde.de\/inside\/weblog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Foto.jpg 860w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein weiteres Buch, das ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe, ist Sarah Kuttners Deb\u00fctroman &#8220;M\u00e4ngelexemplar&#8221;. &#8220;Karo lebt schnell und flexibel. 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