Sarah Kuttner – Mängelexemplar

Ein weiteres Buch, das ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe, ist Sarah Kuttners Debütroman „Mängelexemplar“.

„Karo lebt schnell und flexibel. Sie ist das Musterexemplar unserer Zeit: intelligent, liebenswert und aggressiv, überdreht und traurig. Als sie ihren Job verliert, ein paar falsche Freunde aussortiert und mutig ihre feige Beziehung beendet, verliert sie auf einmal den Boden unter den Füßen. Plötzlich ist die Angst da.“ 

Sarah Kuttner beschreibt in ihrem Debütroman das bedrückende Tabuthema Depression. Nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes und dem Scheitern ihrer Beziehung wird die Protagonistin Karo aus der Bahn geworfen. Kontrollverlust, Verunsicherung und Orientierungslosigkeit führen bei Karo zu einer Depression, zu Panikattacken und der sog. Angst vor der Angst (Angstspirale).

Durch ihre Therapie, die Selbstreflexionen und Beobachtungen ihrer Person, wird dem Leser Karos Entwicklung vor Augen geführt.

Authentisch, mit viel Witz und Charme beschreibt Sarah Kuttner die Selbstreflexion der depressiven Protagonistin:

„Ich bin anstrengend. Das klingt erstmal ziemlich lässig. Es klingt liebenswert und ein wenig kokett, selbstironisch, im Grunde genommen genau so, wie man sein Mädchen gerne mag. Cool, nicht zu lieblich, nicht zu damenhaft,… Ich bin anstrengend. Ich werde sehr schnell wütend, traurig, überdreht und laut.
Auch das klingt zunächst sehr sympathisch: Ach, Karo ist eben einfach nur sehr emotional.
… Aber ich kann versichern: Das ist anstrengend. Es ist anstrengend für mein Umfeld, und es ist vor allem anstrengend für mich.
Gefühle sind Stress.“ S. 13

„So bin ich. Anstrengend. Und ich kokettiere damit nicht. Denn jegliches bei mir ankommende Gefühl, ob positiv oder negativ, potenziert sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Drama… Kleinigkeiten machen mich irre, wegen einer Mücke werde ich zum Elefanten.“ S. 14

„Selbstmitleid ist nicht schick, es schmückt nicht, es ist hässlich und entstellt.“ S. 29

Zudem versucht Sarah Kuttner mit dem Vorurteil vieler Menschen zu brechen, dass Antidepressiva die Persönlichkeit eines Menschen verändern.

„Eine Befürchtung, die viele Menschen haben, ist, dass Antidepressiva das Bewusstsein, die eigene Persönlichkeit verändern. Dass man von Tabletten gesteuert ist und nicht mehr man selbst. Das stimmt aber nicht. Ich fühle mich nicht fremd. Die Tabletten machen mich nicht falsch glücklich, nur weniger chaotisch. Ich bin traurig, wenn ich traurig bin, und unsicher und ängstlich, wenn es passt. Nicht mehr alles auf einmal.“ S. 103

Im Verlauf ihrer Therapie und den Gedanken, die sich Karo über sich selbst macht, fällt ihr auf, dass sie nicht allein ist mit ihrer Depression, ihren Panikattacken und ihrer Angst, dass sich aber viel zu wenig Menschen trauen darüber zu sprechen oder dagegen etwas zu unternehmen:

„Beim Essen reden wir wieder viel über uns, unsere Köpfe, Depressionen, Angst und Therapien. Wir haben bemerkt, dass viele unserer Freunde ähnliche Probleme haben. Allein mir fallen mindestens fünf Freunde oder Bekannte ein, die unter Angststörungen und depressiven Schüben leiden und nichts dagegen unternehmen. Sie ertragen alles demütig. Keiner geht zur Therapie oder sich Medikamente verschreiben.“ S. 161

In dieser Passage macht Sarah Kuttner deutlich, dass Depressionen, Angst und Therapie in unserer heutigen Gesellschaft stigmatisierte Themen sind, die lieber unter den Teppich gekehrt und „totgeschwiegen“ werden, als sich mit ihnen auseinander zu setzen, obwohl sie mittlerweile einen beträchtlichen Teil unserer Gesellschaft betreffen.

„Dass man nicht einfach verrückt ist, sondern krank. Dass man sich Hilfe holen darf, sogar soll. Dass man aus diesem dunklen Raum nicht allein rauskommen kann und es auch niemand von einem erwartet. Und vor allem: dass man wieder ganz werden kann. Irgendwann.“ S. 165

Für nicht betroffene Personen, wie bspw. Angehörige oder Freunde von depressiven Menschen ist es unglaublich schwer, bis unmöglich die Gedanken von depressiven Menschen nachzuvollziehen oder gar zu verstehen, weshalb an Depressionen erkrankte Menschen oft fälschlicherweise als „verrückt“ abgestempelt werden.

Da Sarah Kuttner in „Mängelexemplar“ die Leser mit viel Feingefühl, Witz, Charme und einem gewissen Maß an Authentizität an das Tabuthema Depressionen heranführt, hat mir der tragikomische Roman sehr gut gefallen und ich würde ihm jedem, der mehr über das Thema erfahren möchte, empfehlen.

 

29. Dezember 2011 von Julia
Kategorien: Rezension | Schlagwörter: , , , , , , | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Schön dass es Dir gefallen hat 🙂 Ich habe es mittlerweile zur Hälfte durch, aber einige Passagen empfinde ich doch als recht verwirrend.

  2. @Tobias Hey, von dir habe ich den „Wachstumsschmerz“ – den muss ich erst noch lesen. 😉

  3. Ich habe das Buch auch gelesen und mich oft wiedererkannt. Großes Buchstabenkino.

  4. @Claudia: Dito. 😉 Aber darüber haben wir uns ja bereits ausgiebig „unterhalten“.

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